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Beitrag der Chiropraktik zur Entwicklung in der Radiologie

Aus Radiologie aktuell 4/97
Dr. René Bosshard, Evilard; Dr. Jean-Pierre Cordey, Bern

1895 entdeckte Wilhelm Conrad Röntgen die X-Strahlen. Aus seiner Entdeckung entwickelte sich ein diagnostisches Potential, dessen Möglichkeiten wohl heute noch nicht voll ausgeschöpft sind. Ebenfalls 1895 entdeckte Daniel David Palmer, dass mechanische Funktionsstörungen an der Wirbelsäule Ursache menschlicher Erkrankungen sein können, und postulierte eine Behandlungsmethode als kausale Therapie, die er als Chiropraktik bezeichnete (siehe Radiologie Aktuell 1/97).

Beide Entdeckungen brachten neue Erkenntnisse auf dem Gebiet der Morphologie und der Physiologie des knöchernen Skeletts. Während die eine einen epochalen Fortschritt auf dem Gebiet der Diagnostik brachte, öffnete die andere den Blick auf eine funktionsmechanische Krankheitsursache, die der damals in der Medizin dominierenden Lehre von Virchow fremd war.

Schon früher lernten die Chiropraktoren die neu entdeckte bildgebende Diagnostik zu schätzen und nutzten die neue Technik in der Ausbildung und in der Praxis sowohl zur Diagnose pathologischer und struktureller Veränderungen als auch zur exakteren Applikation ihrer manuellen Eingriffe an den Gelenken der Wirbelsäule. Vom neuen Röntgenverfahren erhofften sich die Chiropraktoren eine Bestätigung ihrer Hypothese der «Wirbelsubluxation» und den sichtbaren Beweis ihrer durch Palpation und Inspektion erhobenen klinischen Befunde.

Unter dem enormen Druck der etablierten Medizin suchten die Chiropraktoren nach Möglichkeiten, ihre Hypothesen und ihre Befunde auf Röntgenbildern nachzuweisen. Trotz der sich rasch verbessernden Technik in der Herstellung und der Qualität von Röntgenbildern konnten diese aber den Nachweis von kleinsten Wirbelverschiebungen im Bereich ihrer physiologischen Bewegungsbreite, den Subluxationen, nicht erbringen. Die Erklärungsversuche basierten einerseits auf den medizinischen Erkenntnissen des ausgehenden 19. Jahrhunderts, was zu falscher Deutung des kausalen Faktors der Subluxation führte, und anderseits scheiterten diese an den nicht funktionsgerechten Aufnahmetechniken, die nur statische Momentaufnahmen ermöglichten. In der Folge führten die Anpassungen der neuen Technologien an die speziellen Bedürfnisse der Chiropraktoren zu substanziellen Beiträgen in der Entwicklung und Anwendung der Radiologie.

Abb.1: Illis Gerät konstruiert um 1930 und heute noch funktionstüchtig

Entsprechend ihrem funktionellen Verständnis der Wirbelsäulenstruktur, postulierten Schweizer Chiropraktoren (Illi, Genfl Übersichtstechniken der Wirbelsäule unter physiologischer Belastung im Stehen. In einem Gutachten über die Chiropraktik von 1937 wurde diese Aufnahmetechnik verworfen. Namhafte Orthopäden verlangten damals explizit die Beurteilung einer skoliotischen Wirbelsäule im Liegen. Um die ganze Wirbelsäule im Stehen sichtbar zu machen, entwickelte Illi 1930 wahrscheinlich als erster in Europa - Aufnahmeapparaturen, die Ganzaufnahmen der Wirbelsäule aus einer Distanz von 4 Metern ermöglichten. Er bediente sich dazu eines speziell konstruierten Stativs mit vier seriell geschalteten Röhren (je 200 mA, bis 2 Sekunden) und zwei vertikal gelagerten, seriell ablaufenden Buckys. Die ganze Apparatur, samt den speziell angefertigten Filtern, ist heute noch in funktionstüchtigem Zustand (Abb. 1).

Nach Erhalt von 30x90-cm-Filmmaterial (Kodak) und Verwendung von leistungsfähigeren Röhren konnten die Ganzaufnahmen der Wirbelsäule ohne Röhren- und Buckywechsel erstellt werden.

Die Bedeutung dieser Technik für die Erfassung von statischen (physiologischen) Faktoren als Prädisposition für spätere Verschleisserscheinungen an der Wirbelsäule durch Über- und Fehlbelastungen wurde in mehreren Arbeiten und Publikationen von Illi, Sandoz und anderen erarbeitet und publiziert.

Abb.2 : Torsiographie nach Illi ermöglicht die Darstellung einer Wirbelsegmentblockierung

Illi versuchte weiterhin fieberhaft, die funktionsmechanischen Störungen der Wirbelsäule radiologisch darzustellen. Einerseits erarbeitete er wesentliche Grundlagen über die Statik bei gesunden und funktionsbehinderten Wirbelsäulen mittels einer speziell angefertigten 4-teiligen Waage, die mit den Ganzaufnahmen korreliert war. Andererseits versuchte er Anfang der 40er-Jahre mittels Makro-Radiographie (0.3 mm Fokus, FFD 40 cm) auch kleinste Verkantungen im Bereich der hinteren Wirbelgelenke sichtbar zu machen. Weiter versuchten Illi, Sandoz und Bollier in den frühen 40er-Jahren, mittels gehaltener Funktionsaufnahmen im Vergleich zu Aufnahmen in Neutralstellung neue biomechanische Erkenntnisse bildlich darzustellen. Schliesslich entwickelte Illi ein Bucky-, Röhrenstativ, das ihm ermöglichte, die LWS des stehenden Patienten in Neutralstellung und in Inklination zu röntgen, ohne dass dieser den Stand veränderte (Abb. 2).

Die so erstellten Bilder bezeichnete Illi als Torsiographien. Mit dem Vergleich dieser Bilder war es möglich, radiologisch darzustellen, wie ein Wirbelsegment in der Ausgangsstellungverharrte, während sich die übrigen Segmente des betreffenden Abschnittes in der Ausfallstellung befinden, oder umgekehrt. Die Bewegungsbehinderung eines Wirbelsegments innerhalb seines physiologischen Bewegungsbereichs war radiologisch festgehalten. Zwar war dies technisch nur in einer Bewegungsebene möglich, jedoch korrelierten die klinischen Befunde jeweils auch mit den dargestellten Bewegungseinschränkungen. lili hatte damit eine wesentliche Erkenntnis zur chiropraktischen Theorie erbracht.

Abb.3 : Dr. Fred Illi vor seiner Röntgen-Kinematographie Anlage

Zur Kontrolle von strukturellen Veränderungen der Wirbelsäule nach Therapien auf dem Laufband mit orthopädischen Schuhkorrekturen verwendete Illi Ende der 40er-Jahre die zu ambulanten Lungenaufnahmen verwendete 'Odelca'-Kamera für seine Zwecke (Kleinformat 7x4 cm). Diese Apparatur schenkte Illi 1959 dem Genfer Universitäts- und Kantonsspital. Um mehr über die Funktionsweise der gesunden, funktionell und strukturell abweichenden Wirbelsäule zu erfahren, kaufte Illi 1956 eine Röntgen-Kinematographie-Anlage von Siemens und ergänzte diese mit auswechselbaren aktiven und passiven Laufteppichen. (Abb. 3)

Das Kleben der einzelnen Momentaufnahme zu einem 'Filmband' ermöglichte ihm eine exakte, beliebig lange Beobachtung der verschiedensten Gelenke des Bewegungsapparates im gesunden wie im funktionell oder pathologisch gestörten Zustand in endloser Folge. Besonderes Interesse fand Illi an der Funktion des lliosakralgelenkes und er konnte dank seiner wertvollen Arbeit wesentliche Erkenntnisse zur Kinematik dieses Gelenks in seiner therapeutischen Konsequenz aufzeigen.

Ein weiter Beitrag zur Entwicklung der ethischen Verantwortung in der Radiologie mag auch sein, dass sich Chiropraktoren schon seit 1966 freiwillig einer Prüfung in Röntgenphysik und Strahlenschutz durch das BAG unterziehen.

Die Arbeiten und Entwicklungen auf dem Gebiet der Radiologie durch Chiropraktoren in den USA wurden in diesem Artikel nicht berücksichtigt.
Mit herzlichem Dank an Dr. C. Illi, Sohn von Fred Illi, für die Bereitstellung des Photomaterials.

Referenzen
(1)
«Die Wahrheit über die Chiropraktik»,1938, Verlag SCG
«Soigner les dos de l'enfant, c'est prévenir le rhumatisme chez l'adulte»,1949
«Wirbelsäule, Becken und Chiropraktik»,1953
«Kurze Einführung in die Chiropraktik»,1956

(2)
Annalen der Schweizerischen Chiropraktoren-Gesellschaft 1965-1989, Bollier, Sandoz, Widmann et al.

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Beckenschiefstand
Schiefstand des Beckens, fast immer auf Grund einer ungleichen Beinlänge; verursacht meist eine Skoliose der Wirbelsäule.

(aus dem Rückenlexikon)